GKV-Chef fordert Terminvergabe beim Arzt allein nach Bedarf
Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen fordert eine grundlegende Reform bei der Vergabe von Arztterminen. Gesetzlich Versicherte sollen künftig nicht mehr schlechter gestellt werden als Privatpatienten. "Wir müssen den Zugang zur ambulanten Versorgung so organisieren, dass Termine nach medizinischem Bedarf vergeben werden und nicht danach, wie jemand versichert ist", erklärte der Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Oliver Blatt, gegenüber den Funke Medien.
Die Forderung kommt nicht von ungefähr: In Deutschland sind etwa 88 Prozent der Bevölkerung gesetzlich krankenversichert, während rund 10 Prozent privat versichert sind. Trotz dieser deutlichen Mehrheit werden gesetzlich Versicherte bei der Terminvergabe häufig benachteiligt. Eine Versichertenbefragung im Auftrag des GKV-Spitzenverbands vom Februar 2025 zeigt das Ausmaß des Problems: Jeder vierte gesetzlich Versicherte wartet länger als 30 Tage auf einen Facharzttermin, jeder zehnte sogar über drei Monate.
Bereits frühere Untersuchungen hatten die Ungleichbehandlung dokumentiert. Eine Studie des RWI-Leibniz-Instituts aus den Jahren 2017/2018 zeigte deutliche Unterschiede: Privatversicherte warteten im Schnitt 12 Tage auf einen Termin, während es bei gesetzlich Versicherten 25 Tage waren.
"75 Millionen Menschen sind gesetzlich versichert und finanzieren damit den allergrößten Teil der ärztlichen Honorare. Trotzdem werden sie bei der Terminvergabe häufig benachteiligt. Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit."
Wirtschaftliche Anreize hinter der Ungleichbehandlung
Die Bevorzugung von Privatpatienten hat nachvollziehbare wirtschaftliche Gründe: Privatpatienten brachten Arztpraxen im Jahr 2024 insgesamt 15,43 Milliarden Euro ein. Wären die Leistungen nach EBM-Sätzen wie bei GKV-Patienten abgerechnet worden, hätten die Einnahmen nur 6,66 Milliarden Euro betragen. Obwohl der Anteil der privat Versicherten an der Gesamtbevölkerung nur 10,5 Prozent beträgt, entfallen auf diese Gruppe 21,8 Prozent der ambulanten Arztausgaben.
Um Gerechtigkeit herzustellen, schlägt der Spitzenverband eine tagesaktuelle Plattform vor, in die alle Praxen einen festen Anteil ihrer Termine einstellen. Dann sollte auch nicht mehr gefragt werden dürfen, ob man gesetzlich oder privat versichert sei. Blatt stellte klar, dass Ärzte weiterhin Privatpatienten behandeln sollten, aber nicht automatisch bevorzugen dürften. "Ein gesetzlich Versicherter sollte nicht allein deshalb zwei Wochen länger warten müssen."
Begriff Zweiklassenmedizin wird zurückgewiesen
Den Begriff Zweiklassenmedizin hält Blatt für unangemessen. "Im Krankenhaus und von den allermeisten Ärzten werden gesetzlich Versicherte genauso gut behandelt wie Privatpatienten, teilweise ist für sie sogar die Abrechnung einfacher", sagte er. Die Ungleichbehandlung zeige sich vor allem bei den Wartezeiten auf Arzttermine.
Eine Bürgerversicherung hält Blatt in der aktuellen politischen Situation allerdings nicht für realistisch. "Die Debatte würde sich sehr stark daran aufreiben", erklärte er. Stattdessen setzt er auf pragmatische Lösungen bei der Terminvergabe.
Politische Debatte nimmt Fahrt auf
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte am 21. September 2026 das duale Krankenversicherungssystem als "Gerechtigkeitsproblem" bezeichnet. Wenn sich der Eindruck verfestige, dass privat Versicherte sofort jede Leistung bekämen und gesetzlich Versicherte Wochen und Monate warten müssten, sei das problematisch. Merz kündigte an, dass die Regierung Änderungen vornehmen werde.
Weitergehende Forderungen kamen am Freitag vom Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, der seit 2012 an der Spitze der mit über 12 Millionen Versicherten größten gesetzlichen Krankenkasse in Deutschland steht. Er sprach sich für den Umbau des dualen Systems aus. Private und gesetzliche Krankenversicherung sollten abgeschafft werden, um in einem neuen System das Beste aus beiden Welten zu nutzen.
Politischer Widerstand ist jedoch bereits erkennbar: CSU-Chef Markus Söder sprach sich gegen eine Abschaffung des bisherigen Systems aus. Eine Bürgerversicherung sei mit seiner Partei nicht zu machen, stellte er klar.






