Verbraucher: Netzentgelte sinken für Haushalte in Thüringen
Verbraucher in Thüringen können sich im kommenden Jahr über eine Entlastung bei den Netzentgelten freuen. Laut einer Analyse des Vergleichsportals Verivox gehört der Freistaat damit zu den wenigen Bundesländern, in denen die Gebühren für die Nutzung der Strom- und Gasnetze sinken werden. Allerdings bedeutet das nicht automatisch niedrigere Energiekosten insgesamt.
Für einen durchschnittlichen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden Strom fallen die Netzentgelte in Thüringen um elf Euro auf 391 Euro. Damit profitieren Verbraucher im Freistaat am stärksten von der Entwicklung in Ostdeutschland, wo die Kosten im Durchschnitt um drei Euro auf 386 Euro sinken. In Sachsen bleiben die Preise nahezu unverändert, während sie in Sachsen-Anhalt um einen Euro steigen.
Bundesweite Entwicklung zeigt großes Gefälle
Deutschlandweit ergibt sich ein uneinheitliches Bild. Während der Osten entlastet wird, müssen Haushalte in Westdeutschland mit Mehrkosten rechnen. Hier steigen die Stromnetzentgelte im Durchschnitt um zehn Euro auf 445 Euro. Der Grund für die regional unterschiedliche Entwicklung liegt im Ausbau der Stromnetze und den damit verbundenen Investitionen.
Die Netzentgelte machen etwa ein Viertel bis ein Drittel der gesamten Stromkosten in Deutschland aus. Damit sind sie ein erheblicher Faktor für die Endpreise, die Verbraucher zahlen. Die vier großen deutschen Übertragungsnetzbetreiber – 50Hertz, Amprion, TenneT Germany und TransnetBW – verwalten das rund 38.000 Kilometer lange Höchstspannungsnetz und sind für die Festlegung der bundesweiten Netzentgelte verantwortlich.
Die Bundeszuschüsse für die Netzentgelte werden 2027 bis 2029 von 6,5 Milliarden Euro auf 5,525 Milliarden Euro jährlich reduziert. Diese Kürzung um fast eine Milliarde Euro erklärt den Aufwärtsdruck auf die Netzgebühren in vielen Regionen. Ohne den staatlichen Zuschuss würden die durchschnittlichen Übertragungsnetzentgelte auf 6,52 Cent je Kilowattstunde steigen statt auf die geplanten 3,54 Cent. Die endgültige Höhe der Zuschüsse steht allerdings noch nicht fest, da der Bundestag die entsprechende Gesetzgebung erst im Oktober 2026 in erster Lesung behandelt hat.
Gasnetzentgelte entwickeln sich unterschiedlich
Auch bei den Gasnetzentgelten zeigt sich ein regional differenziertes Bild. Für ein Einfamilienhaus mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden sinken die Kosten in Thüringen um drei Euro auf 670 Euro. Bundesweit steigen die Gebühren jedoch im Durchschnitt um sechs Euro.
Besonders stark betroffen ist Mecklenburg-Vorpommern, wo die Gasnetzentgelte um rund 20 Euro auf 752 Euro steigen – der höchste Wert in ganz Deutschland. Im Osten liegen die Kosten durchschnittlich bei 688 Euro, während Verbraucher im Westen 634 Euro zahlen müssen. Die höheren Kosten im Osten resultieren aus dem intensiven Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere der Windkraft, der umfangreiche Infrastrukturinvestitionen erfordert. Bis 2030 müssen allein in Ostdeutschland 2.600 Kilometer Hochspannungsleitungen und 39 neue Umspannwerke gebaut werden.
Großhandelspreise für Gas als entscheidender Faktor
Die größere Belastung für Verbraucher droht jedoch nicht von den Netzentgelten, sondern von den Großhandelspreisen. Seit Februar 2025 sind die europäischen Gaspreise um etwa 140 Prozent gestiegen, getrieben von Versorgungsängsten und geopolitischen Spannungen im Nahen Osten. Diese Entwicklung könnte die Gaspreise für Endkunden um 10 bis 20 Prozent erhöhen.
Für Haushalte in Einfamilienhäusern bedeutet das Mehrkosten von bis zu 500 Euro pro Jahr. Damit relativieren sich die Einsparungen bei den Netzentgelten erheblich. Verivox weist darauf hin, dass die Beschaffungskosten für Gas den weitaus größeren Einfluss auf die Endpreise haben als die Netzgebühren.
Langfristige Herausforderungen für das deutsche Stromnetz
Die aktuellen Entwicklungen sind Teil eines größeren Trends. Seit 2021 sind die Netzentgelte in Deutschland um über 50 Prozent gestiegen, was branchenweit zu Reformforderungen geführt hat. Der Ausbau der deutschen Stromnetze bis 2045 wird Schätzungen zufolge rund 651 Milliarden Euro kosten. Die jährlichen Investitionen müssen sich von 15 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf etwa 34 Milliarden Euro mehr als verdoppeln.
Hinzu kommen die Kosten für das Management von Netzengpässen und Redispatch-Maßnahmen, die bereits drei Milliarden Euro jährlich erreichen. Diese Ausgaben entstehen, weil regionale Ungleichgewichte zwischen Stromerzeugung und -verbrauch ausgeglichen werden müssen.
Verivox hat für seine Erhebung die vorläufigen Strom- und Gasnetzentgelte für 2027 ausgewertet und dabei etwa 80 Prozent aller deutschen Haushalte berücksichtigt. Die endgültigen Zahlen können noch leicht abweichen, sobald der Bundestag die Gesetzgebung zur Bezuschussung der Netzentgelte verabschiedet hat.






