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Mark Mazowers Buch „On Antisemitism“ wartet noch auf einen deutschen Verlag

Wo beginnt und wo endet Antisemitismus, etwa: in der Linken? Zeit, das neue Buch des jüdischen Historikers Mark Mazower zu lesen, das den Bedeutungswandel des Begriffs beschreibt. Warum erschien es noch nicht auf Deutsch?

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Mark Mazowers Buch „On Antisemitism" wartet noch auf einen deutschen Verlag

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Meldet sich der grüne Ministerpräsident Cem Özdemir zu Wort und fordert den Ausschluss von Antisemiten aus der Linken. Maßstab sei für ihn, dass die jüdische Gemeinde der Partei abnehme, dass sie sich von Antisemitismus lossage: „Das heißt auch notfalls, dass sie Leute rauswerfen müssen", so Özdemir. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte zuvor erklärt, eine Regierungsbeteiligung der Linken gefährde das jüdische Leben in Deutschland.

Mark Mazower lehrt an der Columbia-Universität in New York

Wenn Politiker so unterschiedlicher, ja teils gegensätzlicher Parteien einen Begriff, hier Antisemitismus, quasi unisono als Ausdruck politischen Handelns verwenden, sollten sie sich klar darüber sein, was sie damit meinen – dann sollte dieser Begriff auch zweifelsfrei bestimmt sein. Das Gegenteil ist hier der Fall, sagt etwa der Historiker Mark Mazower in seinem neuen Buch On Antisemitism: A Word in History. Der Autor ist ein international angesehener Historiker jüdischer Herkunft, dessen Bücher sich primär mit dem Schicksal der Juden in Europa beschäftigen. Fünf seiner Werke sind bisher auf Deutsch erschienen, in den Verlagen Fischer, Beck und Suhrkamp. Er lehrt an der Columbia-Universität in New York, einem Schauplatz großer Proteste der Studierendenschaft gegen das Vorgehen Israels in Gaza – und deren Niederschlagung durch die Polizei auf Anordnung von Donald Trump.

Adolf Hitlers Sportpalast-Rede im September 1942

On Antisemitism verfolgt die Entstehung des Konzepts „Antisemitus" als Selbstbezeichnung judenfeindlicher Strömungen in Europa und ihrer Ideologie. 1879 gründete der deutsche Journalist Wilhelm Marr in Berlin die „Antisemitenliga". Sein Buch Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum war auf die Zurücknahme der rechtlichen Gleichstellung der Juden mit den Christen gerichtet, ihrer sogenannten Emanzipation.

Marrs Antisemitismus rückte Judenhass vom religiösen in den rassischen Kontext. Noch in seiner Rede im September 1942 im Berliner Sportpalast benutzte Adolf Hitler den Begriff ausdrücklich. Er lobte die Wellen des Antisemitismus, die sich in Europa von Volk zu Volk ausbreiten würden.

Israel als Lösung des Problems Antisemitismus?

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und unter dem Schock des Holocausts wird Antisemitismus vor allem verstanden als Bezeichnung für die Diskriminierung von Juden und die Bedrohung jüdischer Minderheiten durch ethnisch und/oder religiös definierte Mehrheiten. In Europa setzten die alliierten Siegermächte die Aufhebung von Gesetzen durch, die Juden benachteiligen.

In den USA, wo heute die meisten Juden leben, kämpften seinerzeit jüdische Organisationen gegen Diskriminierung an Universitäten und in den öffentlichen Verwaltungen. Im heraufziehenden Kalten Krieg setzten sich jüdische US-Organisationen in enger Zusammenarbeit mit der US-Regierung für das Recht der Juden in den Ländern des Warschauer Paktes ein, nach Israel auswandern zu können.

Antisemitismus ist in jener Zeit ausschließlich Phänomen der jüdischen Diaspora und nicht mit der politischen Haltung zu Israel verbunden. David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident Israels, der das Land bis 1963 regierte, sah in diesem Staat die Lösung des Problems Antisemitismus. Für die israelische Führung jener Zeit versprach Israel den Aufbau einer modernen, säkularen Nation – man wollte ein europäisches Leuchtfeuer im Nahen Osten sein.

Seit Anfang der 2000er Jahre: Kritik an israelischer Politik unter Antisemitismus-Verdacht

Noch 1989 war der damalige israelische Ministerpräsident Yitzhak Shamir der Überzeugung, der Staat Israel sei für die Sicherheit seiner Bürger verantwortlich, den großen jüdischen Organisationen in den USA obliege der Kampf gegen den Antisemitismus. Diese großen Organisationen hielten Distanz zu Israel. Denn manche tiefreligiöse Gemeinde in den USA betrachtete die Gründung eines jüdischen Staates als Häresie, und viele in den USA gut integrierte Juden befürchteten, ein Bekenntnis zu Israel rufe Zweifel an ihrer Loyalität zu den Vereinigten Staaten hervor.

Erst in den 1970er Jahren begann die israelische Führung, ihren Konflikt mit den Palästinensern als einen zwischen Juden und arabischen Antisemiten zu begreifen. Voraussetzung dafür war die Übernahme der israelischen Regierung durch rechtskonservative und pro-religiöse Parteien, die den jüdischen Charakter des Staates betonten. Seit Anfang der 2000er Jahre fördert die israelische Regierung eine Definition von Antisemitismus, die Kritik an israelischer Politik und an der Ideologie des Zionismus unter den Verdacht des Antisemitismus stellt.

Die Verlage Fischer, Beck und Suhrkamp haben bisher Bücher Mazowers veröffentlicht. Die Verschiebung, die die Bedeutung des Begriffs Antisemitismus erfahren hat, fasst Mark Mazower wie folgt zusammen:

Ein Begriff, der ursprünglich die Feindschaft beschrieb, die Juden als eine Minderheit erfahren haben, die um ihre Rechte kämpft, wird jetzt dazu benutzt, einen Staat mit jüdischer Mehrheit zu schützen, die einer Minderheit ihre Rechte vorenthält.

Im Grunde sei dies weder im Interesse Israels noch im Interesse der jüdischen Diaspora, meint Mazower, denn die Politik Israels isoliere das Land in seiner Region und international. Und wenn sich der Kampf gegen Antisemitismus auf Kritik an Israel konzentriert und rechte Gewalt gegen Juden vernachlässigt, macht dies jüdisches Leben in der Diaspora nicht sicherer.

Es bleibt zu hoffen, dass einer der drei Verlage, die bisher Bücher Mazowers übersetzt haben, den Mut findet, On Antisemitism auf Deutsch herauszubringen. Es mag helfen, die augenblicklichen Fronten in eine zivile Debatte über den Begriff Antisemitismus zu überführen.

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