Zweiter Einsatz nach dem Großbrand
In der Nacht zum Sonntag habe es im Kehlsteinhaus "nochmal zimmerhoch gebrannt", berichtete ein Polizeibeamter. Die Feuerwehr beendete den erneuten Einsatz nach dem Löschen der Flammen. Der Beamte erklärte, dass verbliebene Glutnester nach einem Brand nicht selten erneut Feuer auslösen.
Der Großbrand hatte bereits am Freitagabend begonnen. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd erreichten die ersten Rettungskräfte das Haus am 23. Oktober um 21.52 Uhr und fanden es in Flammen vor. In der Nacht zum Samstag wurde das Gebäude fast vollständig zerstört, Teile des Daches brachen ein. Der Zweckverband Bergerlebnis Berchtesgaden schätzt den Schaden zunächst auf einen Millionenbetrag.
Die Gaststätte war am Freitag geschlossen. Nach ersten Erkenntnissen gab es durch den Brand keine Verletzten. Die Suche vor Ort war allerdings erschwert, weil Einsatzkräfte das Areal zunächst nur mit schwerem Atemschutz betreten konnten.
Tatverdächtiger auf Motorrad gestoppt
Die Ermittler gehen nach bisherigen Erkenntnissen von Brandstiftung aus. Bereits auf der Anfahrt zum Einsatz stoppte die Polizei einen Mann auf einem roten Motorrad ohne Kennzeichen, wie BR24 berichtet. Er roch nach Brand und versuchte, mit der Maschine zu fliehen. Die Beamten konnten ihn trotz der schwierigen Bedingungen am Berg festnehmen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) lobte sie dafür: "Das war super."
Laut Staatsanwaltschaft Traunstein handelt es sich um einen 33-jährigen Deutschen mit Bezügen zum Berchtesgadener Land, der derzeit jedoch nicht dort wohnt. Herrmann hatte zunächst mitgeteilt, der Verdächtige sei verletzt und befinde sich im Krankenhaus. Am Samstag wurde der Mann einem Untersuchungsrichter in Rosenheim vorgeführt.
Nach dem Bericht von inFranken erwies sich der Festgenommene als psychisch krank. Die Staatsanwaltschaft veranlasste ein psychiatrisches Gutachten und beantragte seine Unterbringung in einer forensischen Einrichtung. Zu möglichen Beweggründen äußern sich die Ermittler zurückhaltend. Staatsanwaltschaftssprecher Rainer Vietze zufolge erscheinen viele Aussagen des Mannes wegen der augenscheinlichen Erkrankung nicht belastbar.
Auch ein politisches Motiv wird geprüft. Dabei stünden die Ermittler aber "erst ganz am Anfang", sagte Vietze laut BR24. Polizei-Einsatzleiter Gerhart Holzinger erklärte, es gebe keine Hinweise auf weitere Täter.
Schnee, Wind und Wassermangel erschwerten das Löschen
Bis zu 200 Kräfte der Feuerwehr und anderer Hilfsorganisationen waren bei dem Großbrand im Einsatz. In mehr als 1.800 Metern Höhe mussten sie neben den Flammen auch Kälte, Schnee und stürmischem Wind standhalten. Einige errichteten Iglus als Schutz vor der Kälte. Kurz vor 3 Uhr am Samstag wurden die Löscharbeiten unterbrochen und später am selben Tag wieder aufgenommen.
Regen und Schneefall erschwerten die Arbeit ebenso wie die Wasserversorgung. Nach Herrmanns Angaben mussten die Löschzüge auf der steilen Kehlsteinstraße 700 Höhenmeter zurücklegen. Ein Löschhubschrauber konnte nicht eingesetzt werden; Fahrzeuge brachten im Pendelverkehr Löschwasser zum Brandort. Bartl Wimmer, Vorsitzender des Zweckverbands Bergerlebnis Berchtesgaden, sagte, die Feuerwehrleute hätten teilweise unter Lebensgefahr gearbeitet.
Das Gelände wurde weiträumig abgesperrt. Für Besucher führt der übliche Weg zum Kehlsteinhaus mit Bussen der Kehlsteinlinie hinauf. Die Fahrt dauert laut Deutscher Bahn 20 Minuten und verläuft durch fünf Tunnel. Auf den letzten 100 Höhenmetern stehen normalerweise ein Aufzug im Berg oder ein Fußweg zur Verfügung.
Herrmann erwartet Wiederaufbau mit historischer Beratung
Eigentümer des Kehlsteinhauses ist der Freistaat Bayern. Die kommunale Berchtesgadener Landesstiftung verwaltet es und besitzt das Nießbrauchsrecht. Herrmann rechnet damit, dass das Haus wieder aufgebaut wird: "Wir werden da kaum eine Ruine stehen lassen können."
Nach seinen Worten ist das Gebäude gut versichert; mögliche Versicherungsansprüche werden bereits geprüft. Für den Wiederaufbau werde Zeit benötigt, eine geeignete Lösung werde gesucht. Wegen der belasteten Geschichte des Ortes sollen Historiker daran beteiligt werden.
Sven Keller, Leiter der Dokumentation Obersalzberg, sieht durch den Brand Möglichkeiten zur Geschichtsvermittlung und Aufklärung verloren. Dem Evangelischen Pressedienst sagte er: "Solche Orte wecken Interesse, sie bieten Reibungsfläche und Diskussionsanlässe." Die weiter unten am Berg gelegene Dokumentation Obersalzberg mit der zentralen historischen Ausstellung der Region blieb laut AP vom Feuer verschont.
Vom NS-Repräsentationsbau zur Berggaststätte
Das Kehlsteinhaus entstand 1937/38 als Teil des von Adolf Hitler genutzten Komplexes am Obersalzberg. Bei seiner Fertigstellung 1938 gehörte es zum abgeschirmten Wohn- und Regierungsareal der NS-Führung. Seit 1952 dient es als öffentlich zugängliche Berggaststätte. International ist das Ausflugsziel unter dem Namen "Eagles Nest", auf Deutsch "Adlerhorst", bekannt.
Martin Bormann trieb den Bau nach Plänen des Architekten Roderich Fick voran. Laut Wikipedia beliefen sich die Kosten auf rund 30 Millionen Reichsmark, nach heutigem Wert etwa 161 Millionen Euro. Beim Bau des Aufzugsschachts im Berg ereigneten sich zwölf tödliche Arbeitsunfälle.
Nach Darstellung des Zweckverbands Bergerlebnis Berchtesgaden war das damalige Teehaus als politischer Repräsentationsort fern der Öffentlichkeit gedacht, erlangte tatsächlich aber nur geringe Bedeutung. Die NS-Entourage nutzte es häufig zur Erholung und für private Feiern. Hitler selbst hielt sich laut AP nur selten dort auf – anders als in seiner Sommerresidenz Berghof am Obersalzberg, deren Ruinen 1952 gesprengt wurden.
Beim Angriff britischer Lancaster-Bomber auf den Obersalzberg am 25. April 1945 gehörte das Kehlsteinhaus laut Wikipedia zu den Hauptzielen, blieb jedoch ungetroffen. Als wahrscheinlicher Grund wird genannt, dass das Haus und sein schmales Gipfelplateau für die damals eingesetzten, nicht lenkbaren Bomben ein zu kleines Ziel boten.






